GeraMond hat ein Reprint des Klassikers „Meine Märklin-Modellbahn“ von 1949 herausgegeben – ein Buch mit Folgen
Das Märklinbuch von 1949 ziert ein roter Einband. (Foto: Robert Attenhauser)Die Lokomotiven wirken mächtig und doch etwas grobschlächtig, die Wagen einfach. Die Berge scheinen mitunter aus gesammelten Steinen zu bestehen, der Bewuchs aus getrocknetem Moss, die Brücken aus simplen Metall-Stäben, das Wasser nun ja, aus Wasser halt: Im Vergleich zu heutigen Modellbau-Möglichkeiten beschreibt das Märklin-Modellbahn-Buch des frühen Modellbahn-Enthusiasten Walter Strauss (1893-1952) eine einfach gehaltene Welt – aber mit Platz für Phantasie und Freude am Spiel. Diese scheinbar etwas altertümliche „Märklin-Modellbahn“ ist nichts für moderne, von exakten Nachbauten geprägte Nietenzähler. Dagegen spricht schon der Buch-Untertitel „Eine kleine Philosophie zur Spur 00“. Genau diese Liebe zur Spielbahn spiegelt sich in den Buchtexten wider. Thematisch unterteilt in die Bereiche Linienführung, Gleisplan und Betrieb zeigt sich der Fokus auf die Technik, den Fahrspaß. Der Modellbau steht etwas außerhalb. Obwohl: Brücken verbinden mitunter ganz praktisch verschiedene Wohnzimmertische – ein sehr früher Segmentbau, wenn man will. Die Bastelhindernisse der realen Wohnungs-Welt kann schon der frühe Modellbahner meistern. Noch ein paar Dinge haben sich über die vielen Jahrzehnte seit Erscheinen des Originalbuchs nichtverändert: Damals wie heute müssen Modellbauer gelegentlich hohe Preise ertragen, technische Hindernisse ebenso wie den bloßen theoretischen Ansatz überwinden und tatsächlich praktisch loslegen.
Geblieben ist auch die Suche nach dem wirklich passenden Gleisplan – noch nie sollte der Zug nur im Kreis fahren. Mag sein: Digitales schafft aktuell mehr technische Möglichkeiten. Hoffentlich bleibt da der Spiel- und Bastelspaß nicht auf der Strecke! Seinerzeit gab es wahrscheinlich weit weniger verbissene Modellbahn-Kontroll-Kommentatoren als heute. Insofern war es wohl eine gute alte Modellbahnzeit, ganz ohne den Perfektionsdruck, der heute manchmal durchscheint. Der eine oder andere mag nach der Lektüre sehnsüchtig diesen alten Zeiten nachhängen. Verdient macht sich das mit vielen Schwarzweiß-Aufnahmen ausgestattete Buch allerdings um das Aufleben einer Idee: Modellbahn schafft Raum für den Umgang mit technischen wie gestalterischen Fähigkeiten, lässt staunen. Dafür scheint sie gemacht. Man muss kein Märklin-Fan sein, um das Buch zu mögen. Mag der Text heute etwas altbacken und die Bilder sehr einfach gestaltet wirken: „Meine Märklin Modellbahn“ zeigt, dass sich die Spiellust über die Jahrzehnte als ein wesentlicher Kern des Hobbys erhalten hat.
Robert Attenhauser